Baugeschichte der Stadtkirche Unna, bzw. des Langhauses

Erstellt am 09.03.2022

An dem heutigen Standort der Stadtkirche hat seit der Entstehung des Ortes Unna ein Kirchengebäude gestanden. Als Beweis haben wir den Kirchturm, der in seinem Unterbau bis zum Glockenstuhl romanischen Ursprungs ist. Der dazu gehörende Kirchenraum war einschiffig und mit dem Turm wahrscheinlich direkt verbunden. Die dicken Mauern romanischer Kirchen erfüllten in der Zeit, in der Unna noch nicht befestigt war, den Zweck einer Wehrkirche. Die Bewohner der Stadt konnten während kriegerischer Auseinandersetzungen in der Kirche Schutz suchen. Der Zugang zu dem Kirchenraum wird wahrscheinlich genauso wie bei dem später errichteten gotischen Neubau von der Südseite erfolgt sein.

Unna hatte 1290 die Stadtrechte von seinen Landesherren, den Grafen von der Mark, verliehen bekommen und es begann die Zeit einer dynamischen Entwicklung. Die Stadt konnte jetzt befestigt werden und in den Folgejahrzehnten entstand die Ringmauer mit ihren Wehrtürmen und Stadttoren. In Unna wuchs rasch die Bevölkerung. Dadurch war der bestehende romanische Kirchenbau zu klein geworden und genügte nicht mehr den Ansprüchen der Bürgerschaft. Durch Handel war Unna zu Wohlstand gekommen. Zu einem erforderlichen Kirchenneubau muss ein wichtiger Aspekt bedacht werden: Die großartigen Kirchenbauten sind im Mittelalter in den Städten nicht nur als Zeichen einer Frömmigkeit errichtet worden, sondern sie sollten sichtbar zeigen, dass ein gewisser, erreichter Wohlstand diesen Bau ermöglicht hatte. So auch in Unna.

Es war die Zeit der Hochgotik und vielerorts hatte sich ein aus Frankreich kommender Baustil im Mittelalter durchgesetzt, die Hallenkirche. Dieser Kirchentypus bot den Vorteil, eine dreischiffige Kirche unter einem Dach zu planen, während bei einer Basilika die Seitenschiffe an das bestehende Langhaus angebaut wurden. Durch neue architektonische Erkenntnisse konnte man diese Kirchen mit größeren Fenstern versehen und man benötigte nicht mehr ein so starkes Mauerwerk, weil diese Kirchen in Städten gebaut wurden, die befestigt waren. Eine Schutzfunktion war nicht mehr erforderlich. Der Kirchenraum war sehr viel heller. Man baute die Räume größer und höher aus. Die Unnaer Bürger beauftragten 1322 einen Baumeister, ein Langhaus „neuen Stils“ zu planen und zu errichten. In einer Größe, wo alle Bewohner der Stadt am Sonntagmorgen zum Hochamt Platz finden konnten. Man muss nämlich wissen, dass es Pflicht war, sonntags in den Gottesdienst zu gehen. Gestühl gab es für die Besucher nicht. Wie heute noch bei der den Gottesdiensten in der orthodoxen Kirche wurde gestanden. Nur die Geistlichkeit hatte Sitzmöglichkeiten.

Der nun erbaute Kirchenraum hatte drei Kirchenschiffe, wobei das Mittelschiff wenig breiter ist als die Seitenschiffe und in der Gewölbehöhe so ansteigt, dass es die Höhe der Säulen wesentlich übertrifft, während in den Seitenschiffen die Säulen und das darüber liegende Gewölbe in ihrer Höhe etwa einander entsprechen. Dadurch ergibt sich der Typ einer Stufenhalle. Und der Kirchenraum erscheint dem Besucher sehr viel größer. Toskanische Rundsäulen tragen das Kreuzgewölbe, welches aus Ziegelmauerwerk errichtet wurde. Das kann man sehr gut bei dem Betreten des Kirchengewölbes unter dem Dach erkennen. Das Langhaus hat den für westfälische Hallenkirchen typischen fast quadratischen Grundriss. Die Fenster, die den Raum erhellen, sind in ihren Maßwerken über die Jahrhunderte kaum verändert worden.

Unna hatte das Glück, die erforderlichen Steine zum Bau der Kirche aus heimischen Steinbrüchen nehmen zu können. Das sparte sehr viel Geld. Der bestehende alte romanische Kirchturm wurde in den Neubau integriert, aber in den ersten Jahren nach der Fertigstellung des Langhauses entsprechend umgebaut. Zum Betreten des Kirchenraumes nutzten die Gemeindemitglieder bis zu dem Zugang durch ein Eingangsportal durch den Turm einen Eingang an der Südseite.

Das kann man heute noch sehr gut außen erkennen.
Der ehemalige Zugang wurde  bei  der  Turmrenovierung im 19. Jahrhundert mit einem neugotischen Spitzbogen versehen. Um den integrierten romanischen Turm dem Innenraum anzupassen, haben Steinmetze dann im 13. Jahrhundert aus dem durchgängigen, massiven Mauerwerk der Ostwand des Turmes die beiden Rundsäulen herausgeschlagen, die bis heute die Rückwand des Turmes tragen. Bis zu dem späteren Durchbruch der westlichen Turm Wand für ein Eingangsportal erfolgte aber nach Bauende des Langhauses eine Nutzung des begehbaren Turmraumes.

Wir wissen aus historischer Quelle, dass in diesem Raum der Heilig-Kreuz-Altar gestanden hat.

Das Langhaus wurde zum Osten hin mit einer Wand abgemauert. Wahrscheinlich ergänzt durch eine Apsis – aber das ist nicht belegt. Die Sakristei (Abriss im 19. Jh.) erbaute man an der Nordseite, auf der Seite wo heute das Nicolaiviertel ist. Der Zugang erfolgte durch den Kirchenraum. Die Fertigstellung des ersten Bauabschnittes ist nicht bekannt. Eine Nutzung der Kirche lässt sich dadurch belegen, dass der heute noch genutzte gotische Abendmahlkelch als Geschenk des Ritters Meinrich Sprenge zur Borgmühle 1334 an die Unnaer Kirchengemeinde gegeben wurde. Und durch den gotischen Taufstein, der heute im Chorinnenraum steht. Graf Adolf II von der Mark brachte diesen nach einem Raubzug 1344 von Menden in die Stadtkirche. In welcher Kirche in Menden er sich befand ist nicht belegt.

Bewegen wir uns im Erkenntnisbereich des ersten Bauabschnittes in einem nebulösen Bereich, liegen uns für den zweiten Bauabschnitt genaue Informationen vor. Sie befinden sich auf der Südseite im Innenraum. Auf einer Inschrifttafel aus Sandstein ist der genaue Baubeginn des Chores vermerkt.: 25. Juni 1389. Ermöglicht wurde das auf Grund einer Stiftung der Brüder von Herne oder auch Heeren, die das Geld für den Erweiterungsbau zur Verfügung stellten. Und hier ist auch sehr gut belegt, warum Kirchen im Mittelalter oft sehr lange mit ihrer Fertigstellung warten mussten. Man konnte nur bauen, wenn das erforderliche Geld vorhanden war. In diesem Fall war die Finanzierung gesichert. Deshalb war der Hochchor schon am 14. August 1396 fertiggestellt. Es war die Epoche der Hochgotik, und bei dem Neubau des Chores nutzte der Baumeister die damals neuesten, bautechnischen Erkenntnisse. Aufgrund gesammelter Erfahrungen war man nämlich nun in der Lage höher zu bauen, und so wirken in der Zeit entstandene Kirchenräume oft filigran und transparent. Die Chorfenster in ihrer Größe zeigen das gut, ebenso die hohen Pfeiler. Der Neubau des Chores wirkt im Gegensatz zu dem älteren Kirchenschiff sehr viel heller ist und großzügiger. Was den Chorraum aber ganz besonders werden lässt und ihn bis auf eine Kirche in ganz Westfalen einzigartig macht, ist, dass man den Altarraum im Chor umgehen kann. Diese Art des Chorumganges finden wir manchmal in gotischen Hallenkirchen im süddeutschen Raum und in der ostdeutschen Backsteingotik. Wahrscheinlich hat der Chorumgang zwei Funktionen gehabt: Erstens als Kreuzweg und Zweitens als Übernachtungsmöglichkeit für Pilger, die auf dem Jakobsweg unterwegs waren. Unna liegt nämlich an einem der Pilgerwege nach Santiago de Compostela und Pilger konnten immer im Eingangsbereich einer Kirche kostenlos übernachten und in Unna auch noch zusätzlich in dem Chorumgang.

Man merkt auch deutlich die ursprüngliche bauliche Trennung im akustischen Bereich – die Entfernung von den Bündelpfeilern (wo der Taufstein steht und an der sich die Kanzel befindet) zu den Rundsäulen.

Zeitgleich wird dann der Zugang durch den Kirchturm möglich gemacht worden sein. Das Hauptportal wurde eingerichtet. Und es braucht nur wenig Phantasie, wie beeindruckend und ehrfurchterregend es für die Besucher der Kirche damals gewesen sein muss: Es gab noch keine Orgelempore und irgendwelche Trennwände. Mit dem Betreten durch das Portal zeigte sich ein gewaltiger, großer Kirchenraum in einer hellen, lichten Gestalt – 66 m lang und 22 breit. Der Turm hatte noch nicht den uns bekannten Turmhelm. Aber trotzdem – wie überragend muss damals schon dieses Gebäude das Stadtbild geprägt haben!

Die Kirche verfügte jetzt über drei Patronate: Clemens, Nicomedes und Dyonisius. Träger des Hauptpatronates war der Heilige Clemens und so hieß die Kirche bis 1905 Clemenskirche.

Bis zur Reformation 1559 erhielt die Kirche eine reiche Ausstattung. Neben sakralen Skulpturen aus Holz und Stein kamen im Laufe der Zeit durch Stiftungen Unnaer Bürger 13 namentlich bekannte Seitenaltäre in den Innenraum. Der Unna Steinmetz Rotcher Grumelkut schuf das Sakramentshäuschen und ein Altarretabel Mitte des 15. Jahrhunderts aus Unnaer Sandstein. Beide Arbeiten sind heute noch im Kirchenraum vorhanden. Das heute der Innenraum recht kahl ist, verdanken wir einmal dem Bildersturm 1584, dem vieles zum Opfer fiel. Was an Seitenaltären in der Kirche verblieben war, wurde endgültig in den Jahren der Säkularisation (ca. - 1819) aus dem Kirchenraum entfernt. Weitere Stücke kamen sehr viel später abhanden als sich 1827 ein Hammer Lehrer als Honorierung für die Untersuchung des Kirchenarchivs einige, in der Kirche aufbewahrte „fast ganz verwitterte, auf Holz gemalte Bilder“ als Honorar erbat.

Gegen die Bedenken des Preußischen Kulturarchivs in Berlin verkaufte das damalige Presbyterium die letzten sieben mittelalterlichen sakralen Skulpturen aus Holz und Stein, die noch im Kirchenraum verblieben waren, für 300 Mark 1906 an das Provinzialmuseum Münster, wo sie sich heute noch befinden und zu betrachten sind. Man fand „sie zu katholisch“. Am bekanntesten und als wertvollste Arbeit soll hier die Marienklage (Pieta) aus dem Jahr 1380 nicht unerwähnt bleiben. In der Fachwelt gilt sie bis heute als eine der edelsten Werke deutscher Bildhauerkunst! Sie ist wohl in Mainz entstanden und in ihrer ursprünglichen Farbgebung erhalten. Eine zweite Marienklage, nur wesentlich jünger wurde an die katholische Kirchengemeinde in Unna verkauft. Dort ist sie in einer kleinen Seitenkapelle zu sehen.

Seit 1408 lässt sich früh schon eine Kirchenorgel nachweisen. Es war eine sogenannte „Schwalbennestorgel“. Ihr Standort muss im Kircheninnenraum an einer Säule im Mittelschiff gewesen sein. Dort hat sie sich bis 1660 befunden.

Selbstverständlich hatten damals alle Fenster wie heute wieder eine Bleiverglasung. Über die Jahrhunderte ist aber durch Zerstörung und oftmalige Veränderungen der Maßwerke, bzw. auch Baumaßnahmen heute davon nichts mehr erhalten. Man weiß nur aus einer Überlieferung von einem 1461 hergestellten Fenster über einer längst vermauerten Schülertür an der Chornordseite, welches den Kaiser und seine sieben Kurfürsten gezeigt haben soll. Dieses Fenster wurde bei dem letzten großen Stadtbrand 1723 vernichtet.

1502 ließ Andreas Huik an die Südseite eine Liebfrauenkapelle anbauen. Sie wurde nach ihrer Fertigstellung wegen ihrer einfachen, edlen Bauart, ihres lichten Raumes und der schönen, hohen

Fenster gerühmt und diente in Folge der Unnaer Familie Zahn als Begräbnisstätte. Der Abbruch erfolgte aus bis heute nicht bekannten Gründen 1811. Man kann aber die spitzbogigen Quaderkanten ihres vermauerten Zugangs im Kircheninnenraum erkennen. Inzwischen war auch der Kirchturm als dritte Bauphase in den Jahren von 1407 bis 1474 im gotischen Stil umgebaut und mit einer entsprechenden Dacheindeckung in der uns bekannten Höhe fertiggestellt worden. So prägt diese Kirche bis heute unser Stadtbild.

Doch zurück zur Geschichte des Langhauses. 1559 kam in Unna die Reformation zum Durchbruch und die Kirchengemeinde Unna trat zum lutherischen Glauben über. Durch politische Wirrungen in Europa kamen wenige Jahre später Calvinisten nach Unna. Sehr schnell nahmen sie Einfluss auf das städtische und kirchliche Leben von Unna. Zum Ärger der Lutheraner. In ihrer Not verpflichteten diese 1596 den Pfarrer Dr. Nicolai aus Waldeck. In seiner theologischen Ausdruckskraft sollte er den Lutheranern in Unna entsprechenden Rückhalt verschaffen. Schon nach einem Jahr während seiner Tätigkeit in Unna brach in 1597 in Unna die Pest aus. Innerhalb eines Jahres starb die Hälfte der damaligen Unnaer Bevölkerung, ca. 1300 Menschen. Und in dieser schlimmen Zeit schrieb Nicolai zwei Choräle auf, die bis heute zu den bekanntesten Chorälen aller christlichen Glaubensgemeinschaften gehören: „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ und „Wachet auf, ruft uns die Stimme.“

Schon im Oktober 1612 tagte im Chor die lutherische Generalsynode der Grafschaft Mark, die der Unnaer Pfarrer Thomas Balthasar Haver leitete. An ihn und das historische Ereignis erinnert sein an den nördlichen Bündelpfeiler eingeritzte Name.

Wenn wir an das schreckliche Unglück von Januar 2018, wo durch den Sturm Frederike das Kirchengebäude stark beschädigt wurde, denken, muss man sich vor Augen führen, wie es den Menschen in Unna am 19. Dezember 1660 gegangen sein muss, als ein Tornado (damals als Windhose bezeichnet) den Kirchturm aus seiner Fassung drehte und dieser auf die Kirche fiel; das südliche Kirchendach durchschlug und mehrere Gewölbeteile zerstörte, darunter auch die Orgel. Weil es früh morgens war und nicht zur Zeit des eigentlichen Hochamtes, sind „nur“ 9 Menschen zu Tode gekommen. 1661 begann die Gemeinde mit der Wiederherstellung des Gewölbes. Und in einer Rekordzeit war in den Folgejahren 1662/1663 die Reparatur des Kirchengewölbes abgeschlossen. An diese Erneuerung erinnert ein Schlussstein im Mittelschiffsgewölbe und zwei lateinische Inschriften, ebenfalls im Mittelschiffsgewölbe aus dem Jahr 1663. Das Kirchendach des Langhauses wurde in den Jahren 1662/1663 erneuert.

Auch die Orgel wurde ersetzt; die Gemeinde erwarb eine Orgel aus der St. Petrikirche in Soest. Sie versah ihren kirchenmusikalischen Dienst bis 1912. Ihr Standort ist nicht bekannt. Es ist aber möglich, dass sie wieder im südwestlichen Bereich des Kirchturmes aufgestellt wurde.

1667  wurde  die   barocke   Kanzel   (Eine   Arbeit   von   Johann   Sasse   aus   Attendorn)   geweiht.   Sie ersetzte die vorherige gotische Kanzel und wird bis heute in unserer Kirche genutzt. Hing sie ursprünglich an der letzten südlichen Säule vor dem Chor, wurde sie bei Umgestaltung des Kirchenraumes in den Jahren 1970/71 an ihren heutigen Standort versetzt. Während dieser Zeit wird auch das erste Gestühl für die Gottesdienstbesucher in den Kirchenraum gebracht worden sein, mit dem üblichen Mittelgang Richtung Altar.

Leider zerstörte nur einige Jahrzehnte später 1723 ein großer Stadtbrand fast die gesamte Innenstadt von Unna. Es verbrannte auch das Kirchendach und der Turmhelm. Während das Kirchendach auch hier schnell wieder hergestellt wurde, dauerte die Turmeindeckung länger. Dieser barocke Turmhelm bestand dann bis zum Jahre 1860 und wurde dann durch Blitzschlag in Brand gesetzt und zerstört. Den neugotischen Turmhelm von 1862 haben wir bis heute. Den neu errichteten Dachstuhl aus dieser Zeit können wir heute immer noch bewundern, wenn wir das Kirchendach des Langhauses betreten.

Auch im zweiten Weltkrieg wurde er kaum beschädigt, lediglich die Dacheindeckung ist durch den Luftdruck des Beschusses durch Granaten in den letzten Kriegstagen zerstört worden, so dass eine Neueindeckung nach Kriegsende erforderlich war.

Für Jahrzehnte prägende Veränderungen des Kirchenraumes bis in die jüngste Vergangenheit erfolgten im vorletzten Jahrhundert in den Jahren 1834 durch eine Umstuhlung, und dann über den längeren Zeitraum von 1836 bis 1843 eine völlige Umgestaltung des Kirchenraumes. Dabei wurde 1836 ein Altar an der Nordseite abgebrochen und im selben Jahr das große Altarretabel vom südlichen Chorumgang zwischen die beiden mittleren Chorschlusspfeiler umgesetzt, wo es bis heute noch steht.

Durch den Zusammenschluss beider evangelischer Gemeinden in Unna im Jahr 1822 nahm die Zahl der Gottesdienstbesucher kontinuierlich zu, so dass ein neues Gestühl mit einem Mittelgang in dem Kirchenraum aufgestellt wurde.

In Ergänzung zu der neuen Bestuhlung erhielt die Nordwand der Kirche eine große Empore, um zusätzliche Sitzmöglichkeiten zu schaffen. Wir Konfirmanden sind in den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts zu gerne auf die Empore während des Gottesdienstes – obwohl verboten – gegangen. Entweder schickte uns der Küster wieder zurück in den Kirchenraum oder der predigende Pfarrer, der uns von der Kanzel sehr gut im Blick hatte, befahl uns dann lautstark zu einer entsprechenden Rückkehr auf die Bänke im Bereich der Kanzel. Bis zu der Entfernung des gesamten Gestühls, einschließlich der Empore, verfügte der Kircheninnenraum Sitzplätze für ca. 1500 Besucher.

Der Innenraum erfuhr aber noch weitere, prägende Veränderungen. 1842 wurden fünf Fenster überarbeitet und erhielten neue Maßwerke. Farblich waren die Fenster des Kirchenraumes nicht gestaltet. Durch eine Spende stiftete die Gemeinde 1883 drei farbige Chorfenster, die dem Zeitgeist entsprechend gestaltet 1885 ihren Platz in der Kirche fanden. Unter anderem wurden in einem Fenster lebensgroß die beiden Reformatoren Calvin und Luther dargestellt.

1843 erhielt der Altarraum in Teilbereichen eine Umrandung mit einem gusseisernen Geländer, welches 1936 wieder demontiert wurde.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es wieder bauliche Veränderungen im Innenraum. War schon 1889 die Gasbeleuchtung (sie wurde 1907 durch elektrisches Licht ausgetauscht, als Unna an das Stromnetz angekoppelt wurde) im Kirchenraum installiert worden, erfuhr nun der westliche Innenraum im Bereich des Turmes eine Neugestaltung. Wenn die Besucher des Gottesdienstes vor dem Umbau am Sonntag durch das Kirchenportal den Raum betraten, war der Blick frei bis zu Altar.

Aber im Laufe der Zeit genügte der Gemeinde die alte Orgel aus dem Jahr 1660 nicht mehr den kirchenmusikalischen Ansprüchen. Um Platz für die angedachte neue, sehr viel größere Orgel zu haben, plante das Presbyterium Ende des 19. Jahrhunderts eine dem Bedarf entsprechende Orgelempore und ließ diese dann errichten. Zwei Räume wurden jeweils an der Süd- und Nordseite des Kirchturmes eingebaut, die ihre Decke durch die neue Orgelempore erhielten. Zum Osten zog man eine Zwischenwand, unterbrochen von zwei Eingangstüren, durch die jetzt die Kirchenbesucher den Innenraum betraten. Den Zugang haben wir bis heute. Nur das ab 1970 die Holztüren durch Glastüren ersetzt wurden. Die Orgelempore wurde im Stil der Nordempore gebaut und der Zugang zu derselben erfolgte jetzt über den neuen Aufgang zur Orgel. Zur Raumerhellung lies der Architekt in der Nordwand zwei kleine, spitzbogige Fenster brechen. Das Fenster auf der Südseite existierte bereits. Historiker beklagten zeitgleich nach Abschluss dieser Baumaßnahme mehrfach in Publikationen über die Clemenskirche, dass nun der „wunderschöne, freie Blick in den Kirchenraum durch die hässliche Mauer mit den zwei Eingangstüren in den Innenraum verbaut war.“

Der Orgelbauer Paul Faust aus Barmen gewann seinerzeit die Ausschreibung und erhielt den Auftrag eine dem Raum entsprechend große Kirchenorgel zu planen und zu bauen. Es wurde nach ihrer Fertigstellung eine pneumatische Orgel mit umfangreichen Registerwerk.

Ergänzend zum Orgelbau entwarf der Architekt Arno Eugen Fritsche den großflächigen Orgelprospekt im Renaissancestil, der sich fast über die gesamte Breite der östliche Turmrückwand er- streckte.

Es damals eine gängige Praxis, dass diese Orgelverkleidungen nur einen optischen Zweck erfüllten und keine Funktion. 1912 wurde die Orgel der Gemeinde ihrer Bestimmung übergeben.

Foto: Orgel 1912 bis 1973

War im Mittelalter der Kirchenraum bis auf die heute zu sehenden, sparsamen farblichen Ausmalungen der Säulen und der Kreuzgewölbe der Kirchenraum nie bemalt, wurde in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts der Innenraum in abenteuerlicher Weise mit Ranken und Blumen ausgemalt. Sie hat man aber schon 1936 wieder entfernt und in eine bis heute bekannte sparsame Ausmalung umgeändert.

Bis auf wenige mittelalterliche Kunstwerke, die bis heute in dem Kirchenraum verblieben sind, war der Innenraum kahl. Lediglich die aus dem Innenraum aufgenommen alten Grabsteine, die bis zur Umgestaltung im vorletzten Jahrhundert noch den Kirchenboden bedeckten, hatte man an den Wänden des Kirchenraumes aufgestellt. Dort befinden sie sich noch heute. An den Wänden im Chorraum befanden sich noch Gedenktafeln aus den Kriegen 1816, 1866 und 1870/71 gefallener Mitglieder der Kirchengemeinde. Für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Gemeindeglieder schuf der bekannte Maler Rudolf Schäfer im Auftrag des Presbyteriums zwei große Bildtafeln, die zum Thema die beiden Unnaer Choräle „Wie schön leuchtet uns der Morgenstern und „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ hatten. Die Aufstellung dieser Bilder mit den Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Gemeindemitgliedern erfolgte im Jahr 1923. Wenn wir heute die Bilder betrachten, müssen wir immer die Zeit berücksichtigen, in der sie als Auftragsarbeit gemalt wurden. Die „Schäferbilder“ gaben immer wieder Anlass zur Diskussion einer Entfernung aus dem Kirchenraum, bis in die jüngste Vergangenheit. Im Zuge der letzten Ausmalung des Kirchenraumes im Jahr 1996 haben sie ihren Platz im Chorumgang gefunden, während die Tafeln mit den Namen der gefallenen Gemeindeglieder aus den genannten Kriegen an der Südwand der heutigen Orgelempore angebracht wurden.

Wie ich schon erwähnte, ist die Stadtkirche mit ihrem Turm gut durch den Zweiten Weltkrieg gekommen. Eine vollkommene Zerstörung blieb ihr erspart. Die schwersten Schäden sind in den letzten Kriegsmonaten entstanden, als durch Beschuss das Kirchendach beschädigt und fast alle Fenster des Kirchenraumes durch Luftdruck ihr Glas verloren hatten – auch die gestifteten Chorfenster aus dem Jahr 1885. Die Reparaturarbeiten dauerten bis 1948. Dann war die Stadtkirche für die Gemeinde wieder zu nutzen.

Die Kirchenfenster, einschließlich der Fenster des Chorraumes hatten immer noch die Notverglasung aus der Nachkriegszeit. Das sollte sich ändern. Als erste Maßnahme wurde ein Wettbewerb zur Gestaltung der sieben Chorfenster ausgeschrieben. Engagiert betrieb der Stadtkirchenpfarrer Hans- Martin Schlemm die Auslobung. Unter den zahlreichen Bewerbern erhielt der junge Kunstmaler Emil Kiess aus Trossingen 1964 den Zuschlag. In freier abstrakter Farbgestaltung behandeln sie die Themenfolge „Der lebendige Christus“. Die restlichen Fenster wurden in Folge im Jahr 1973 (zu den Baumaßnahmen in den Jahren komme ich später) von dem Unnaer Glasmaler Wilhelm Buschulte gestaltet und durch die heimische Glaswerkstatt Bruno Baetzel eingebaut.

Zeitgleich zu den neuen Chorfenstern hatte das Presbyterium auf Betreiben von Pfarrers Schlemm einen Wettbewerb für eine neue Pieta zum Gedenken an die Gefallenen und Opfer beider Kriege ausgeschrieben. Professor Kurt Lehmann aus Hannover gewann den Wettbewerb und gestaltete eine expressive, abstrakte Marienklage in Form eines Bronzereliefs, welches nach der Fertigstellung 1965 an der Nordwand im Bereich der nördlichen Turmsäule angebracht wurde. Diese Darstellung gab in der Gemeinde Anlass zu den kontroversesten Diskussionen. Und aus der Erinnerung weiß ich, dass nach der Aufhängung Gemeindemitglieder aus Protest die Kirche nie wieder betreten haben. Erst heute ist uns bekannt, wie wertvoll diese künstlerische Arbeit ist.

War der Gottesdienst Besuch in den Nachkriegsjahren bis Ende der 50iger Jahre des letzten Jahrhunderts noch sehr hoch, stagnierte er mit Beginn der 60iger Jahre. Das Chorgestühl, einschließlich der Nordempore, wurde in diesem Umfang bis auf hohe Kirchenfeste oder große Konzertveranstaltungen nicht mehr gebraucht.

Die Planungen waren 1969 abgeschlossen und dann wurde in den Jahren 1970/71 der Innenraum der Kirche komplett umgestaltet. Leider, und das sei an dieser Stelle vermerkt, verpasste man gewollt die einmalige Gelegenheit, entsprechende archäologisch wichtige Fundament-Grabungen vorzunehmen. Das nicht mehr zeitgemäße Gestühl, die Nordempore und die Orgelempore mit samt der kaputten Orgel wurden aus dem Kirchraum entfernt, um Platz für Neues zu machen.So plante ab Mitte der 60iger Jahre das damalige Presbyterium eine erneute zeitgemäße Umgestaltung des Innenraumes. Weil die noch im Kirchenraum befindliche Faustorgel im Laufe der Zeit nicht mehr spielbar war, ergab sich in diesem Zusammenhang auch die Überlegung für die Anschaffung einer neuen Konzertorgel. Um kirchenmusikalisch den Gottesdienst gestalten zu können, wurde als Interimslösung 1968 eine kleine Orgel angeschafft, die dann bis zur Fertigstellung der neuen Orgel 1973 ihren Dienst versah. Sie befindet sich jetzt im südlichen Chorumgang und wird für kleinere Gottesdienste im Chorraum und bei Konzerten genutzt.

Schon zum Ende des ersten Bauabschnittes kam wieder die wunderschöne Architektur des alten Kirchenraumes zum Tragen. Es wurde der Holzboden entfernt und der Innenraum bis auf den Bereich des Altarraumes mit Sandsteinplatten ausgelegt. Als neues Gestühl standen jetzt (und das bis heute) im Mittelschiff durchgängige Bänke. Ungefähr 400 Gottesdienstbesucher finden seitdem hier Platz. Um einem größeren Besuch bei kirchlichen Festen oder Konzerten Rechnung zu tragen, stehen seitdem zusätzlich Stuhlreihen in beiden Seitenschiffen. In den Altarraum wurde vor das im nördlich stehende Altarretabel ein großer Tisch als neuer Altar aufgestellt. Er wird bis heute genutzt. Die Kanzel versetzte man von ihrem ursprünglichen Platz der letzten Säule aus dem Innenraum an den südlichen Bündelpfeiler des Chores. Und bei dem Neubau der Orgelempore berücksichtigte das Presbyterium schon den nötigen Platz für eine geplante neue Konzertorgel.

Den Auftrag für einen Orgelneubau erhielt die Firma Richard Rensch aus Laufen am Neckar. Nach mehrjähriger Bauzeit war als Konzertorgel konzipierte Instrument 1973 fertiggestellt und erhielt auf der neuen Orgelempore ihren zugedachten Platz. Nach der Fertigstellung dieser letzten großen Umbaumaßnahmen wurde kunsthistorisch der Kirchenraum neu bewertet und in Erinnerung an das Mittelalter wird die Stadtkirche heute als einer der schönsten Hallenkirchen von Westfalen bezeichnet.

In der jüngsten Vergangenheit sind an die Wände einige neuere Kunstwerke gekommen. So können Besucher ein afrikanisches Wandgemälde des Künstlers Mbate „Gottes Geist bereift zum Leben“ betrachten, ebenso eine Arbeit der Künstlerin Gisela Lücke mit dem Thema „Alles hat seine Zeit…“ (beide auf der Südseite des Kirchenraumes) und auf der Nordseite ein Quilt bosnischer Frauen. Die Raumnutzung hat sich in den Jahren verändert. Die Stadtkirche Unna ist zur „offenen Kirche“ geworden. Besucher können jetzt täglich den Kirchenraum besuchen. Zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen lassen diesen Raum dadurch lebendig werden. Eine wertvolle Ergänzung zur sonstigen sakralen Nutzung, zu der die Stadtkirche auch weiter gebraucht wird.

25 Januar 2022, Wolfgang Frenser
(Presbyter und Kirchenführer)

Hier kann sich das PDF-Dokument heruntergeladen werden. Dokument

Kontakt

Gemeindebüro
Frau Rolfsmeyer

Mozartstr. 18-20
59423 Unna

Telefon: 02303 288-115
Telefax: 02303 288-157

E-Mail: un-kg-unnadontospamme@gowaway.kk-ekvw.de

Öffnungszeiten:

Dienstags bis Freitags: 09:00 bis 11:00 Uhr

 

 

Gottesdienste

Donnerstag, 26.05.2022 11.00 Uhr
Gottesdienst mit Taufe

Unna: Ev. Stadtkirche Unna Pfarrerin Christiane Medias

Freitag, 27.05.2022 17.00 Uhr
Ökumenisches/Interreligiöses Friedensgebet

Unna: Ev. Stadtkirche Unna

Sonntag, 29.05.2022 09.30 Uhr
Gottesdienst

Unna: Jona-Haus Pfarrerin Dr. Jula Well